Eine Möglichkeit, Literatur besser zu verstehen und individuell erfahrbarer werden zu lassen, ist das Fortschreiben oder Ergänzen von "ausgelassenen" Textstellen. Schülerinnen und Schüler der Klasse 9 L haben in der Kurzgeschichte "Augenblicke" von Walter Helmut Fritz solche "Leerstellen" ergänzt. Dabei haben sie sich feinfühlig in die jeweilige Person hineinversetzt und ihren Text sorgsam in den Kontext der Kurzgeschichte eingebettet.
Während ihrer Fahrt mit der Tram musste Elsa immer wieder daran denken, wie sie ihre Mutter im Bad behandelt hatte. Hätte sie sich weiter schminken sollen? Hätte sie die Aggressionen gegenüber ihrer Mutter nicht kurz vergessen können? Nein! Ihr inneres Ich sagte ihr nur: Nein!
Während sie so ziellos durch die Stadt schlenderte, musste sie oft an ihren toten Vater denken, der vor ein paar Jahren auch kurz vor Weihnachten gestorben war. Sie vermisste ihn sehr. Aber es gab auch noch einen anderen Menschen, der ihren Vater sehr vermisste: ihre Mutter. Vielleicht war das der Grund dafür, dass ihre Mutter immer den Kontakt zu ihr suchte. Darüber hatte sie noch nie nachgedacht.
Lukas Getferdt
Sie läutete umsonst. Es war später Nachmittag, Samstag, zweiundzwanzigster Dezember.
Sanft fielen einige weiße Schneeflocken auf die Dächer der festlich geschmückten Läden. Ein süßlicher Geruch von frisch gebackenen Plätzchen kam aus einem besonders kleinen, alt aussehendem Geschäft am Ende der Straße. Aufgeregtes Schnattern erfüllte die Luft. Jeder, der bis jetzt noch nicht alle Geschenke eingekauft hatte, versuchte, im großen Gewirr von Menschen so schnell wie möglich von einem Laden zum nächsten zu hasten, um noch alles vor Ladenschluss zu bekommen. Elsas Blicke wanderten über die Menge von Menschen, ohne sie bewusst wahrzunehmen. Sie war auf der Suche nach einem Hinweis für eine Wohnungsvermittlung, bis sie plötzlich innehielte. Ein groß gewachsener Mann mit einem langen schwarzen Mantel und Zylinder, in der einen Hand eine große Tüte, an der anderen ein kleines Mädchen mit langen braunen Haaren fiel ihr ins Auge. Sie überquerten die Straße, gingen den Bordstein entlang und verschwanden schließlich in einem hell erleuchteten Laden für Parfüm. Dieser Mann trug die gleiche Kleidung wie damals ihr Vater. Früher war sie oft mit ihm unterwegs gewesen. Manchmal hatten sie zu dieser Zeit zusammen die Weihnachtsgeschenke für ihre Mutter eingekauft. Sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater jeden Freitag im Dezember mit einer kleinen Überraschung für sie nach Hause gekommen war. Es war wie eine kalter Schauer, der bei diesen Gedanken durch ihren ganzen Körper fuhr. Ihr Herz fühlte sich an, als wenn es durch einen schweren großen Stein ersetzt worden wäre. Sie zog ihren Schal ein Stück höher. Ja, sie vermisste ihn. Sie vermisste ihren Vater sehr! Damals war alles noch normal und schön. Damals lungerte ihre Mutter ihr nicht bei jeder Möglichkeit auf, um mit ihr zu sprechen!
"Entschuldigung! Können Sie mir sagen, wie spät es ist?" Elsa zuckte zusammen. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie total vergessen hatte, wo sie war und warum.
"Oh ... ja! Es ist 17:45 Uhr.", sagte sie nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr.
Nach einem kurzen Danke entfernte die Frau sich und Elsa beschäftigte sich wieder mit ihrer eigentlichen Aufgabe, sich eine Wohnung zu suchen.
Roxana Löw
Sie sieht viele Menschen auf den Straßen, die glücklich sind, die Arm in Arm gehen, lächeln. Sie ist neidisch, fühlt sich unverstanden. Warum lässt man ihr keinen Freiraum? Sie schlendert in Gedanken versunken weiter, als plötzlich ein kleiner Laden in einer Seitenstraße ihre Neugierde weckt. Schüchtern betritt sie die Buchhandlung. Dia wandhohen Regale, vollgestellt mit alten, schönen Büchern und die verstaubt, aber geheimnisvolle Atmosphäre haben es ihr auch nicht gerade schwer gemacht. Ihr ist elend zumute, sie entdeckt in dem kleinen Laden in der hinteren linken Ecke einen antiken, mit rotem Samt bespannten Sessel. Die Verkäuferin sieht sie dabei nicht. Sie steuert auf den Sessel zu, zieht ihre Knie an ihren Körper, legt ihren Kopf auf ihnen ab und lässt ihren Gefühlen ausnahmsweise freien Lauf. Sie fängt an zu wimmern, ganz leise.
Sie kann verstehen, warum ihre Mutter ihre Privatsphäre einengt. Sie kann nachvollziehen, dass ihr Vater ihrer Mutter Elizabeth sehr fehlt. Aber das heißt doch nicht, dass sie ihren Vater nicht vermisst, oder? Dass sie nicht alles dafür tun würde, dass er wieder leben würde, bei ihr sein könnte? Das heißt doch auch nicht, dass sie ihren Vater, einen wundervollen Menschen, ersetzen muss, oder? Das schafft sie nicht, kann sie nicht, will sie nicht.
Sie denkt an das bevorstehende Weihnachtsfest, und das Wimmern weicht einem Schluchzen. Sie hebt den Kopf, blickt auf, Tränen strömen über ihr Gesicht. Sie hat ein schlechtes Gewissen, während sie durch die Glastür des Ladens sieht, wie die Schneeflocken ihren Weg bestreiten. Sie liebt ihre Mutter, die arme, ältere, einsame Frau, ohne Zweifel. Nur sie ist 20, verdammt, sie will ihr Leben leben und nicht ihrer trübseligen Mutter Gesellschaft leisten müssen.
Sie beobachtet immer noch die Schneeflocken, als eine zierliche, kleine Hand sich auf ihre Schulter legt. Sie erschrickt. Schaut hoch und fühlt sich plötzlich wie ein kleines Mädchen, das bei etwas Bösem erwischt worden ist. Die Frau, zu der die zierliche Hand gehört, fragt sie, was sie habe und ob sie irgendwie helfen könne. Ihr freundliches Lächeln unterstreicht diese Frage. Elsa blickt sie mit großen Augen an, wischt trotzig ihre Tränen weg und erwidert, dass die Verkäuferin ihr nicht helfen könne. Dann aber besinnt sie sich und sagt, dass sie ein Geschenk für ihre Mutter sucht. Die Frau betrachtet das verweinte Mädchen aus gütigen Augen, stellt nur ein paar Fragen zu der Mutter, damit sie das passende Geschenk findet, und versteht, dass sie nicht weiter nachfragen soll. Die Verkäuferin streift durch die Regale, bis sie ein, in ihren Augen, geeignetes Buch findet und überreicht es Elsa. Ohne sich das wunderschön gebundene Buch auch nur einmal anzuschauen, bezahlt sie, sie hat ihre Pflicht getan.
Sie hat nun ein Geschenk für ihre Mutter, aber sie würde nie versuchen, sie zu verstehen. Sie will es nicht probieren. Sie ist das Kind. Sie will getröstet werden, nicht andersrum. Sie fühlt sich nicht stark genug, ihre Mutter zu trösten. Sie will es ganz einfach nicht, auch wenn sie stark genug wäre. Kampfeslust blitzt in ihren Augen auf. Sie verabschiedet sich knapp, aber freundlich, blickt sich noch einmal in diesem wunderbaren kleinen Laden um und betritt dann das Schneegestöber, das draußen herrscht. Nein, sie fühlt sich nicht schuldig, weil sie ihre Mutter abgewiesen hatte, weil sie ihre Nähe nicht suchte? Sie war niemandem etwas schuldig.
Sie machte sich auf den Heimweg.
Miriam Ahlborn
Es war schon 20 Uhr. Die Nachrichten fingen an, aber von Elsa gab es immer noch keine Nachricht. Gudrun saß vor dem Fernseher und starrte mit leerem Blick ins Gerät. Was hatte sie falsch gemacht? Sie konnte die ganzen Situationen nicht verstehen. Sie gestand sich ein, sie war einsam, sie fühlte sich verlassen und niemand war da, um sie zu trösten. Volker war weg ,und er würde nie wiederkommen.
Doch ihre Tochter, sie sollte nicht auch noch gehen. Dann würde Gudrun ganz alleine in dieser großen Wohnung sein. Allein. Ja, dieses Wort hatte sie schon immer verabscheut.
Ihr kreisten diese Gedanken im Kopf, und sie entschloss sich schlafen zu legen. Er war eigentlich viel zu früh, aber sie wollte einfach dieser realen Welt entfliehen. Sie wollte in ihre Traumwelt, in die Welt, in der Volker noch lebte, in die Welt, in der Elsa zutraulicher war, in die Welt, in der sie eine glückliche Familie gewesen waren. Sie machte sich fertig, um in diese Welt einzutauchen. Sie duschte, putzte sich die Zähne und legte sich nach einer halben Stunde hin. Sie wollte einschlafen, doch sie konnte nicht. Es blieb immer eine Frage offen. Wo ist Elsa?
"Was habe ich falsch gemachte?", dachte sie. "Warum läuft sie davon? Wieso kann sie mich nicht verstehen?" Doch es war niemand da, der ihr antworten konnte.
Gerade in dieser schönen Zeit passierte so was. Es war Weihnachten! Konnte ihr Tochter das nicht verstehen? Weihnachten - das Fest der Liebe! Doch von dieser Liebe konnte sie nichts spüren. Elsa wo bist du?
Diese Frage war die wichtigste, die sie beantwortet haben wollte. Eine Suche? Aber wo sollte sie suchen? Die Stadt war zu groß, überall Menschen, zu viele Orte. Sie hatte Angst. Angst um ihre einzige Tochter. Was ist, wenn ihr etwas passiert war? Gudrun wollte nicht noch einen Menschen verlieren. Gudrun geriet in Panik. Sie hatte nicht mal 'Tschüss' gesagt!
Sie hörte die Uhr im Wohnzimmer zwölf schlagen. So spät schon. Doch sie konnte immer noch nicht einschlafen. Sie bekam auf einmal Schuldgefühle. Aber warum? Sie hatte doch nichts gemacht.
Deine Tochter ist 20. Sie kann schon auf sich selbst aufpassen, sagte ihr Verstand. Doch ihre Gefühle waren zu stark. Warum musste sie ihre Tochter bloß so sehr lieben. Warum?
Da hörte sie plötzlich, dass die Tür geöffnet wurde, dann wieder geschlossen. Schritte gingen zu Elsas Zimmer und waren nicht mehr zu vernehmen, als die Tür geschlossen wurde. So ein Glück. Sie war endlich zu Hause, in Sicherheit. Ihr Herz machte einen Freudensprung. Sie beruhigte sich langsam und konnte endlich in ihre Traumwelt eintreten.
Kristina Isotov