Auf der Bühne fließt TheaterblutEine außergewöhnliche Theaterproduktion hat heute Abend um 20 Uhr im Burgdorfer Schulzentrum Premiere: Der Kurs "Darstellendes Spiel" des Gymnasiums bringt nach zweijähriger Vorarbeit Anthony Burgess' Kultroman "A Clockwork Orange" unter dem Titel "All is full of love" auf die Bühne. Die Gratwanderung zwischen Gewalt, Ästhetik und Moral haben die jungen Dramaturgen und Darsteller auf ihre eigene Weise eindrucksvoll gelöst.
Auf dem Flur vor der Aula geht eine zierliche Frau in altmodischer Kleidung wie eine gebrechliche Alte am Stock. Im Saal geben zwei schrill gekleidete Damen einem jungen Mann mit Haargel den letzten Schliff. Auf der Bühne singt ein langhaariges Mädchen mit schwarzem Ledermantel und einer verwegenen Mütze mit voller Stimme in ein Mikrofon. Eine Mischung aus Nervosität und Tatendrang liegt in der Luft, als sich die 20 Schülerinnen und Schüler für den letzten Probedurchlauf ihres Theaterstückes "All is full of love" wappnen.
Was im Schuljargon dröge "Umsetzung einer nicht-dramatischen Vorlage" heißt, entpuppt sich als höchst lebendiges Theaterstück. Die Akteure haben das Fach "Darstellendes Spiel" erstmals als Alternative zu den Fächern Kunst und Musik belegen können. "Ich war immer ein Versager in Kunst und Musik", verrät Matthias Schmidt. Daniela Behrens reizt die Herausforderung: "Wenn ich das schaffe, ohne draufzugehen, habe ich es wirklich geschafft.‘"
Als literarische Vorlage für ihr Werk wählten die Kursteilnehmer "A Clockwork Orange" von Anthony Burgess, dessen Verfilmung von Stanley Kubrick Kultstatus genießt. In mühsamer Kleinarbeit haben sie als Techniker, Schauspieler und Dramaturg die einzelnen Szenen geschrieben, verworfen und neu gestaltet. "Theater bedeutet viel mehr als einen Text auswendig zu lernen und sich auf die Bühne zu stellen", umschreibt Olaf Becker den Aufwand.
Olaf ist auf der Bühne Alex, der Anführer einer Jugendbande, der mit seinen Droogs in ihrer Umgebung Gewalt und Schrecken verbreiten. Als der Bandenchef von seinen Kumpanen verraten wird, unterzieht er sich als Alternative zum Gefängnis der Ludovico-Methode.
Dieses Regierungsprojekt trainiert Gewaltreflex mittels Gehirnwäsche und Psychopharmaka ab. Mit zweifelhaftem Erfolg: Der resozialisierte Alex ein isoliertes, wehrloses Wrack geworden.
Die Schüler halten sich nicht strikt an die Vorlage, sondern bringen durch Improvisationen und Variationen ihre eigenen Anliegen zum Ausdruck. Sie finden ihre eigenen Wege, Gewalt und Erotik mit einem moralischen Diskurs zu verbinden. Selbst eine schwierige Vergewaltigungsszene haben sie so sensibel gelöst, dass die Angst des Opfers und die Skrupellosigkeit des Täters für das Publikum spürbar präsent sind, ohne den eigentlichen Akt zusehen.
Der Kurs fordert überdurchschnittliches Engagement. Mehrmals pro Woche haben die jungen Theaterleute geprobt – auch an den Wochenenden. Als Hauptdarsteller Olaf Becker sich beim Transport des Krankenhausbettes aus dem Keller die Nase brach, bat er den Spielleiter flugs um zwei Blutkapseln für ein ohnehin geplantes Bühnenfoto: "So ein kaputtes Gesicht bekommen wir mit Schminke so schnell nicht wieder hin."
"Das übliche Haschen nach Noten gibt es hier nicht", erklärt Jessica Kell, die Kamerafrau werden möchte. Dass sie sich viel mehr engagieren als in den rein theoretischen Fächer, darin sind sich die jungen Darsteller einig. Ein Lob geht an Spielleiter Hans-Hubertus Lenz: "In diesem Fach gibt der Lehrer auch mal den Schülern recht". "Er ist mehr wie ein Kumpel", sagt Sven Pszolla.
Die Probe der ersten Szene beginnt: Ein Penner mit Schal und Pelzmütze torkelt auf die Bühne. Drei junge Männer und eine Gangsterbraut – die vier Droogs – umkreisen das leichte Opfer wie Raubtiere. Zu grellen Stroboskopblitzen prügeln die gewalttätigen Bandenmitglieder auf den Wehrlosen ein, bis er reglos am Boden liegt. Dazu singen sie "Freude schöner Götterfunken" .
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Am Ende der schonungslosen Schocktherapie nach der "Ludovico"-Methode ist der jugendliche Straftäter Alex seiner Entscheidungsfreiheit zwischen Gut und Böse beraubt – aber damit noch lange kein guter und erst recht nicht ein freier Mensch. Beethovens Musik, die ihn früher zu Raubüberfällen, Vergewaltigung und sogar Mord animierte, kann er – ebenso wie Gewalt verherrlichende Videos - nur noch unter heftigsten Schmerzen ertragen. Nach der Romanvorlage "A Clockwork Orange" von Anthony Burgess haben die 20 Teilnehmer am Kursus "Darstellendes Spiel" des Gymnasiums Burgdorf in einer beeindruckenden Energieleistung das Ergebnis ihrer eigenen Interpretation vorgestellt. Einige der 15 Szenen kommen zwar nicht über ihren improvisatorischen Charakter hinaus, andere jedoch – besonders nach der Pause – geraten den Gymnasiasten durch darstellerisch beachtliche Leistungen und sprachliche Präzision äußerst beklemmend. Klug ausgewählte musikalische Untermalung, eine durchdachte Lichtregie und brutalst mögliche Videosequenzen unterstützen geschickt den übersichtlichen Handlungsablauf.
Aus dem hoch motivierten Ensemble ragte Olaf Becker als Alex heraus. Er stand zu Recht im Mittelpunkt des stürmischen Schlussbeifalls, in dem die erschöpften Darsteller auch ihren Spielleiter Hans Hubertus Lenz einbezogen.
Horst-Dieter Brand